Resümee:
Nicht einmal aneinander vorbei
Zur monologischen Kultur der Theaterreform
Im Jahr 2003 gab der Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny (seine Freunde nennen ihn „Andy“) eine Studie zur Reform der Freien Wiener Theaterszene in Auftrag. Verfasst und veröffentlicht wurde diese unter dem Titel Studie Freies Theater. Reformvorschläge zur Förderung Freier Gruppen im Bereich der Darstellenden Kunst von Uwe Mattheiß, Anna Thier und Günther Lackenbucher. Diese drei Personen wurden daraufhin als KuratorInnen mit der Umsetzung der Reform beauftragt sowie auch als Nachfolgegremium der abgeschafften Beiräte eingesetzt. Anfangs wurde die Reform von allen politischen Parteien getragen, von der Presse unterstützt und sogar von der IG Freie Theaterarbeit begrüßt.
Nach und nach aber regte sich erste Kritik, zögernd formierte sich Widerstand in der Freien Szene. Als 2006 Mailath-Pokorny die Reform im Wesentlichen für umgesetzt erklärte, war von allen Seiten eine mehr als große Verwunderung zu hören. Die ÖVP stieg aus dem Parteienkonsens aus, die IG Freie Theaterarbeit erklärte die Reform als in weiten Teilen nicht erfüllt und in der Presse war beinahe ausschließlich von einem „Versagen“ zu lesen.
Was also bleibt von der Reform? Was also bleibt vom Freien Theater?
Das waren die beiden zentralen Fragen einer ganztägigen Enquete, die am 21. November 2006 im iTi – UNESCO (Wien) stattfand. Unter dem Arbeitsmotto Reform oder Rückschritt ? Folgen der Wiener Theaterreform wurden sie in zwei aufeinander folgenden Gesprächsblöcken diskutiert. Die erste Frage hatte kulturpolitische (in Folge auch: arbeits- wie sozialrechtliche) Inhalte zum Gegenstand, die zweite künstlerische.
Im Folgenden soll das Augenmerk auf die politische Diskussion gelenkt werden, da hier besonders klar die Missverhältnisse der Kommunikation zwischen (Reform-)‚Machern’ und ‚Gemachten’ (Künstler) zu Tage kamen.
Nun aber zu diesem Gespräch selber: Unter der Moderation von Thomas Trenkler („Der Standard“) diskutierten in zwei hitzigen Stunden Armin Anders (Theatermacher), Bernd Gallob (Kulturmanager), Sabine Kock (IG Freie Theaterarbeit), Günter Lackenbucher (Kulturamt der Stadt Wien) und Fritz Peschke (Gewerkschaft Kunst, Medien, Sport, freie Berufe) diese Materie.
Einleitend wurde Günther Lackenbucher vom Moderator gebeten, ein Statement zur nunmehr vollzogenen Reform zu geben. Erwartungsgemäß wurden von Lackenbucher nicht die Schattenseiten der Reform ausgeführt, sondern die Sonnenseiten (falls diese überhaupt solche sind) hervorgehoben: Auf Grund der Gutachten der Jury, die – auf Basis welcher Kriterien? – ergaben, dass von hundertsiebzehn Gruppen genau dreißig zu fördern wären, bekamen zwanzig Gruppen Konzeptförderungen, zehn weitere Gruppen Drei- wie Vier-Jahresverträge (z.B.: neue Freie Gruppen wie das TAG).
Nachdem sich ob dieser frohen Botschaft ein gewisses Ressentiment und Irritation im Publikum bemerkbar machten (Vertreter von vielen freien Gruppen waren anwesend), hinterfragte Thomas Trenkler im Dialogversuch mit Lackenbucher die offensichtlichen Mängel der Reform: „Wo sind die angekündigten Kooperationshäuser? Wo ist die einverlangte Internationalität? Was stimmt an dem Gerücht, dass Besitzer bestehender Häuser erpresst wurden, diese anderen Gruppen abzutreten?“ Darauf Lackenbucher, die letzte Frage ignorierend: „Es gibt bis heute keine Kooperationshäuser, die Internationalität wurde vom Bund nicht getragen (!)“, und „das neue Team von dieTheater soll den fehlenden Laborresearch-Bereich kompensieren“. Zudem sei ein „Beispiel für die positive Wirkung der Reform der Tanztheater- und Performancebereich“. Alles in allem, so der spiritus rector der Reform, müsse sowieso „differenziert werden zwischen dem was vorgeschlagen wurde und dem was durchgeführt wurde“.
Hatte es bis dahin am Podium keine offensichtliche Allianz der indirekten oder dezidierten Gegner der Reform gegeben, so erhob sich nun eine kritische Feuersbrunst gegen Lackenbucher: Sabine Kock und Fritz Peschke fragten – vox populi (also mehr oder weniger das gesamte Publikum) hinter sich habend – empört, was aus den vielen Freien Gruppen, aber auch aus so manchen Mittelbühnen geworden ist oder werden wird, die nicht diese Jahressubventionen oder Konzeptförderungen bekommen haben oder bekommen werden, und somit mehr oder weniger vor dem Aus stünden; oder schon – sang- und klanglos – untergegangen sind. In diesem Zusammenhang fielen Wörter wie „stagnierendes oder inadäquates Budget“, „Unvereinbarkeit von Studienverfasser und Kurator“ usw. (Kock). Peschke sprach – in altbewährter Manier eines Gewerkschaftlers – davon, dass „Freie Gruppen im Existenzkampf gegeneinander aufgehetzt werden“; ja sogar von „Vernichtung des kulturellen Erbes“ war die Rede. Die „Schaffung von Sozial- und Pensionsversicherung nur für eine Elite“ sei auch nicht von schlechten Eltern. Peschkes schon fast verzweifeltes Resümee, dass „insgesamt ca. 1500 SchauspielerInnen und KünstlerInnen beim AMS gemeldet sind“ – eine Argumentation, die gegen Lackenbuchers Zweckoptimismus einer Vollversicherung von Schauspielern gerichtet worden ist, wurde von diesem knapp wie folgt ‚repliziert’: „Beim AMS sind nicht mehr SchauspielerInnen und KünstlerInnen gemeldet als zuvor.“
Bernd Gallob, seines Zeichens kritikfähiger Theaterreferenten in den 70er-Jahren, der zu diesem Zeitpunkt nicht nur wegen der etwas stickigen Luft um Atem rang (der Publikumsraum war so überbesetzt gewesen, dass zeitweise auch der Buffetraum für nachkommende Gäste bereitgestellt werden musste), versuchte anhand einer Geschichte der Theaterreform die jetzige Reform zu konterkarieren (wofür er auch immer wieder spontanen Publikumsapplaus geerntet hat): Obwohl immer wieder im Zuge der verschiedenen Reformen – nicht nur, sondern auch – Schließungen und Budgetkürzungen erfolgt sind, muss gesagt werden, dass es so etwas wie eine Akzeptanz von Kritik gegenüber Theaterreformen gegeben hat. In den 1970er Jahren fand eine permanente Evaluierung der Arbeit durch die Kritiker statt. Eine Zusammenarbeit mit diesen wie Theater-Journalisten war an der Tagesordnung. „Jetzt aber herrsche“ – so Gallob – ein „Oktroia“, „Freie Gruppen werden vertrieben“. „Es fragt sich ernsthaft: Was soll das für eine Reform sein?“. Die „Provinzialität der Reform“ sei nach Gallob „inakzeptabel“.
Direkt daran knüpfte Armin Anders mit seiner nicht weniger fulminanten Wortspende an: „Das Verhängnis ist die Studie an sich“, so Anders in seiner bekannten Kampfeslaune, „wobei die Studienherausgeber, die sich selbst dann noch in aberwitziger Weise zu Kuratoren machten, aber schon überhaupt kein Verhältnis zur Kritik haben.“ „Es gibt“ – so der ehemalige experimentelle Theatermacher, dessen Arbeiten durchaus zu den innovativsten innerhalb der Freien Wiener Szene zählten – „keine Transparenz der Reform“. Die unausgesprochene Frage aller Kritiker wurde von ihm ausgesprochen und mit Applaus bedacht: „Warum wurden Lackenbucher & Co. überhaupt für die Studie beauftragt?“ Umkränzt wurde diese Frage mit einem Strauß von Aussagen, die sich vielleicht einmal den Rang von Evergreens verdienen könnten: „Es steht dieser Reform nichts entgegen; aber warum?“, „Die Reform will keine Kritiker“, „Nicht die Künstler sind für die Häuser da, sondern die Häuser für die Künstler“. (Die letzte Wortspende offenbart übrigens Anders’ katholischen Gerechtigkeitssinn, wenn es um das Theater geht. Nicht umsonst ist diese Mahnung wohl sinngemäß dem Herrenwort aus Markus 2, 27 entliehen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“)
Lackenbucher verzog bei Anders Worten jedenfalls einmal so das Gesicht, dass man glauben konnte, er wäre dem Leibhaftigen begegnet. Das Publikum tobte. – Trenkler wiederum nützte diesen kairos um eben dieses Publikum einzubinden, das sich durchaus als humanistischer Scharfrichter Lackenbuchers positionierte (zumal die wenigen Nutznießer dieser Reform wie ein Hubsi Kramer – der noch bei der ersten Enquete 2003 sich als Revolutionsführer wider die Reform gerierte – in weiser Voraussicht dieser Veranstaltung ferngeblieben waren). Die bohrenden Publikumsfragen waren also: „Warum steigen hauptsächlich die Musicalförderungen? Geht es nur um Profit oder auch um Kunst? Kunst als Einkaufswahre? Warum gibt es keinen Kommunikationsfluss über den finanziellen Fluss? Warum wird mit den Verlierern der Reform nicht kommuniziert?“
Lackenbucher, der zu dieser Zeit schon etwas angeschlagen wirke, philosophierte auf abstraktem Niveau, konkrete Antworten scheuend: Es gehe „um ein Verhältnis von Neuem und Altem“, es gehe „um zeitgemäßes, innovatives Theater“, es gehe „um die Publikumsnachfrage“. Wie man letztendlich zu einer Beurteilung käme „ist natürlich ein Problem“; trotz aller sich um Objektivität bemühenden Beurteilung sei diese „trotzdem subjektiv“.
Helga Dostal, Clemens K. Stepina und Armin Anders schlugen zum Abschluss Lackenbucher vor – wollen die Reformer in ihren Beurteilungen nach außen hin wirklich transparent und kommunikativ wirken – , im Rahmen eines kontinuierlich zu veranstaltenden Jour fixe die Theaterreform und ihre sozioökonomischen Folgen offen darzulegen. Lackenbucher, dem eigentlich der Tapferkeitsorden der Französischen Ehrenlegion – ob seines Mutes, allein auf weiter Enquete-Flur für die Reform zu plädieren – zu verleihen gewesen wäre (bekäme er nicht demnächst vielleicht von Andy Mailath-Pokorny einen anderen umgehängt), stimmte ein. Das Publikum applaudierte, es wurde ein versöhnliches Abschlussphoto, auf dem tatsächlich alle lächelten, gemacht.
Nach einer längeren Pause füllte sich wieder das Podium – die zweite Kernfrage: Was bleibt vom Freien Theater? wurde unter der Moderation von Helga Dostal (Präsidentin des iTi – Centrum Österreich) erörtert. Teilnehmer waren: Eva Brenner (Projekt Theater Studio/Fleischerei), Gernot Plass (Leitungsteam TAG), Helga Illich und Helmut Wiesner (RegisseurIn, ehem. „Gruppe 80“), Ludvik Karvin (Theater Brett), Johannes Maile (Programmchef WUK, Regisseur), Marius Pasetti (Dramaturg) und Erwin Piplits (Serapions Ensemble, Odeon).
Die Ergebnisse kann man auf einen gemeinsamen Nenner bringen – und gelten als weitere, hierin mikrosoziologische, nämlich auf einzelne Theater zu benennende Bestätigung des Thematisierten im ersten Gesprächsteil: Ohne politischen Willen, der ein klares Bekenntnis zur Förderung macht, kann auf lange Dauer kein Theater ein Theater machen.
Was bleibt, ist die Ernüchterung – und ein Licht am Ende des Tunnels…?!
Armin Anders – Helga Dostal – Clemens K. Stepina – Nicole Walther
© iTi 2006